Review: The Book of Henry (Kino)

Das Plakat von "The Book of Henry" (© Universal Pictures Germany)

Das Plakat von „The Book of Henry“ (© Universal Pictures Germany)

Inhalt: Der gerade einmal elf Jahre alte Henry (Jaeden Lieberher, „ES“) ist ein besonderes Kind. Im gemeinsamen Haushalt mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Peter (Jacob Tremblay, „Raum“) und seiner alleinerziehenden, chaotischen Mutter Susan (Naomi Watts, „Schloss aus Glas“) ist er im Prinzip der Erwachsene. So kümmert er sich um die Rechnungen und sorgt mit Aktien-Geschäften dafür, dass die Familie finanziell abgesichert ist. Daneben versucht er seit längerem zu beweisen, dass das Nachbars-Mädchen Christina (Maddie Ziegler) von ihrem Stiefvater Glenn (Dean Norris, „Breaking Bad“) misshandelt wird. Da dieser der Polizeichef ist, nimmt niemand die Sorgen von Henry ernst. So überlegt er sich einen Plan, um Christina zu retten. Als Henry einen gesundheitlichen Schlag verkraften muss, bittet er seine Mutter um Hilfe für das stille Mädchen von nebenan.

 

Kritik: Die meisten Filmfans dürften „The Book of Henry“ hauptsächlich damit in Verbindung bringen, dass Regisseur Colin Trevorrow („Jurassic World“) kurz danach seinen Job bei dem neunten „Star Wars“-Film verloren hat. Aber kann ein Film überhaupt derart furchtbar sein, damit derart drastische Maßnahmen gerechtfertigt erscheinen? Aber natürlich funktioniert das. Auch wenn es sicherlich schlimmere Filmerlebnisse gibt, sind die Probleme hier derart offensichtlich, dass sie schon für unfreiwillige Komik sorgen. Hierbei ist vor allem das Drehbuch zu nennen. Obwohl Gregg Hurwitz ein vielfach preisgekrönter Bestseller-Autor ist, scheint er wie von allen guten Geistern verlassen. Wie es dazu kommen konnte, dass dieses chaotische und stellenweise wirklich bizarre Skript von Produzenten abgenickt wurde und weshalb eine beachtliche Anzahl von begabten Filmschaffenden für die Mitwirkung zugesagt hat, bleibt ein Rätsel.

Gerade der sprunghafte Genre-Wechsel fällt hier besonders ins Auge. Der Film nimmt sich deutlich wichtiger, als er ist und erwartet bei der anfänglichen Coming of Age-Geschichte, dass der Zuschauer den cleveren Aktienhändler Henry und die Ego Shooter-süchtige Susan ernst nimmt. Gerade der allwissende und lächerlich altkluge Titelheld wirkt wie eine Karikatur von sich selbst. Das im Mittelteil folgende, süßlich-manipulative Melodrama ist die einzige Phase im Film, in der auch der Unterhaltungswert niedrig ist. Zum Ausgleich gibt es dann bald einen kompletten filmischen Amoklauf, wenn „The Book of Henry“ zum Selbstjustiz-Thriller wird. Angeleitet von Kassetten, die Henry vorbereitet hat, lässt sich Susan von einem Plan begeistern, der ebenso durchgeknallt, wie zum brüllen komisch ist. Dabei berechnet ihr Sohn alle ihre Verhaltensmuster so perfekt voraus – was lustig sein soll – dass die meisten Zuschauer durchaus irritiert sein dürfte (Beispiel: „Wenn du fertig bist, musst du rechts abbiegen.“ Susan geht nach links. „Mum, das andere rechts.“).

Eine fast normale Familie (© Universal Pictures Germany)

Eine fast normale Familie (© Universal Pictures Germany)

Im Gegensatz zur ähnlich fehlgeleiteten Talent-Verschwendung „Verborgene Schönheit“ bleibt der Film aber auf seine eigene Art sympathisch. Auch wenn die Selbstjustiz-Thematik arg positiv behandelt wird und merkwürdige Schnitte das Geschehen noch konfuser machen, wirkt der Film eher drollig als zynisch. Die Darsteller sind immerhin bemüht, gegen die fehlenden Qualitäten des Drehbuchs anzuspielen. Naomi Watts und Jacob Tremblay haben sich schon in dem (deutlich weniger unterhaltsamen) Horror-Debakel „Shut In“ als unterfordertes Duo etabliert. Auch hier ist beiden das Engagement nicht abzusprechen. Jaeden Lieberher dürfte trotz seines Titelhelden hier eine ordentliche Karriere vor sich haben. So ist es auch ihm zu verdanken, dass Henry nicht nervig wirkt. Der Tanzshow-Berühmtheit Maddie Ziegler als stillem Mädchen von nebenan, Dean Norris als brutalem Polizeichef und Sarah Silverman („A Million Ways To Die In The West“) als versoffene, beste Freundin von Susan wird leider keine Möglichkeit gegeben, etwas aus ihren Klischee-Parts zu machen.

Am Ende ist „The Book of Henry“ eine ganz besondere filmische Erscheinung. Es ist nicht einfach, so viele furchterregend falsche Entscheidungen zu treffen, dass wieder ein derartiger Unterhaltungswert herauskommt. Der Melodrama-Comedy-Rachethriller von Colin Trevorrow verbindet so viele (Anti-)Qualitäten auf eine angenehme Art, dass er durchaus das Potenzial hat, unter Liebhabern von „So Bad, It’s Good“-Filmen ungewollte Meriten zu erhalten.

2 von 5 Punkten


Quelle: Universal Pictures Germany, Leinwandreporter TV, YouTube

The Book of Henry

Originaltitel:The Book of Henry
Regie:Colin Trevorrow
Darsteller:Jaedan Lieberher, Naomi Watts, Jacob Tremblay, Dean Norris
Genre:Thriller, Drama
Produktionsland/-jahr:USA, 2017
Verleih:Universal Pictures
Länge: 107 MinutenFSK: ab 12 Jahren
Kinostart:21.09.2017

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite von Universal Pictures Germany

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 28.09.2017
Review: The Book of Henry (Kino)

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