Review: Twin Peaks Staffel 3 (DVD)

Das DVD-Cover von "Twin Peaks Staffel 3" (© Paramount/Universal)

Das DVD-Cover von “Twin Peaks Staffel 3” (© Paramount/Universal)

Inhalt: Vor einem Vierteljahrhundert ist Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan, „Breathe In – Eine unmögliche Liebe“) spurlos verschwunden. Niemand ahnt, dass er bei seinem Verschwinden schon von einem bösen Zwilling ersetzt wurde und er selbst in der bizarren Parallelwelt der schwarzen Hütte festsitzt. Tatsächlich gelingt ihm dann doch die Flucht. Leider geht dabei so einiges schief und er sitzt im Körper des des wortkargen, apathischen Versicherungsvertreters Dougie Jones mit Ehefrau (Naomi Watts, „The Book of Henry“) und Sohn (Pierce Gagnon, „Wish I Was Here“) ohne jede Erinnerung in Las Vegas fest.

Währenddessen bekommen es Sheriff Frank Truman (Robert Forster, „Jackie Brown“), Deputy Hawk (Michael Horse) und der Rest der Polizei von Twin Peaks mit einigen bizarren Gewalttaten zu tun. Gordon Cole (David Lynch) und Albert Rosenfeld (Miguel Ferrer, „Crossing Jordan“) nehmen derweil eine Spur auf, die sie zu ihrem ehemaligen Kollegen Cooper führen soll. Sowohl die FBI-Agenten, als auch die örtliche Polizei merken, dass viele Spuren tief in die Vergangenheit führen: zum Mordfall Laura Palmer (Sheryl Lee).

Kritik: Als am 08.04.1990 der amerikanische Sender ABC die Pilot-Episode zu „Twin Peaks“ ausstrahlte, war so etwas wie Event-Fernsehen noch ein Fremdwort. Das änderte sich nach wenigen Minuten, als Pete Martell (Jack Nance) panisch zum Telefonhörer griff und sagte: „She’s dead, wrapped in plastic.“. Mit ihrer Serie sorgten die Showrunner David Lynch und Mark Frost für einen nie dagewesenen Hype. Jeder war fasziniert von der eigenartigen Welt der Serie und wollte unbedingt wissen, wer Schönheitskönigin Laura Palmer umgebracht hat. Nach einem sagenhaft erfolgreichen ersten Jahr konnten die Quoten im zweiten Jahr nicht gehalten werden. Gerade nachdem (auf Drängen des Senders) der Mordfall Palmer aufgeklärt wurde, verloren viele Zuschauer das Interesse. „Twin Peaks“ war seiner Zeit weit voraus, was für die Serie zum Verderben wurde. Nach der Staffel setzte ABC seine ehemalige Top-Show ab und ließ das Publikum mit zahllosen Cliffhangern und Agent Coopers Frage „How Is Annie?“ zurück.

Dougie strapaziert die Nerven seiner Frau(© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

Dougie strapaziert die Nerven seiner Frau(© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

Noch bevor die Serie endete, sagte Laura in der schwarzen Hütte zu Cooper: „I’ll see you again in 25 years.“ Das begründete natürlich Spekulationen. Aber während zahllose Serien von „Twin Peaks“ inspiriert wurden und das Interesse der Fans scheinbar unersättlich war, glaubte lange Zeit kaum jemand an eine Fortsetzung der kurzlebigen, stilbildenden Serie. Am 03.10.2014 überraschten David Lynch und Mark Frost jeweils mit der etwas kryptischen Twitter-Nachricht: „Dear Twitter Friends: That gum you like is going to come back in style! #damngoodcoffee“. Wie sich herausstellen sollte, war das tatsächlich der Startschuss für ein 18-teiliges Comeback, das im vergangenen Sommer auf Showtime lief und komplett von David Lynch inszeniert wurde.

Während in der Originalserie sich die beiden Showrunner erzählerisch in etwa die Waage halten durften, ist hier die exzentrische Handschrift von Lynch noch deutlicher zu sehen. In einer Zeit, wo trotz Massen von Serien alle Produktionen recht gradlinig verlaufen, stehen diese 18 Teile auf einem ganz anderen Blatt. Es gibt massenhaft Szenen und Figuren, die bewusst ins Nichts führen und eigentlich mehr dazu dienen, sich kleine Späße zu erlauben und Geduld und Erwartungshaltung des Publikums zu strapazieren. Schon so kann es begründet werden, dass die Quoten erneut eher mäßig waren. Im Speziellen ist hier die Dougie Jones-Storyline zu erwähnen, die viele Zuschauer an den Rand des Wahnsinns treiben dürfte, aber die Geduldigen zu einer unfassbar befriedigenden Auflösung führt.

Es kann auch kaum darum gehen, wirklich alles in dieser Welt zu verstehen. Eine Masse an schrägen Einfällen, sensationellen Charakteren, grandioser Comedy, verstörenden Albtraum-Sequenzen und einer Menge weiterer lynchesker Kunstkost sorgen dafür, dass dieses späte Comeback eine wunderbare Gratwanderung zwischen Nostalgie, erzählerischer Innovation und (positiv wie negativ) unvergesslichen Sequenzen ist. Gerade Episode 8 wird wohl für einige ein Wendepunkt, ob sie die Serie lieben, oder überhaupt weiter „ertragen“ können und wollen. In diesem unfassbar großen Cast gelang es, einen guten Teil der Originaldarsteller zurück an den Ort des Geschehens zu bringen.

Kyle MacLachlan war wohl nie wieder so gut, wie es in seinem Part als Dale Cooper der Fall war. Hier darf er als guter und böser Cooper und als schwer erträglicher Dougie ran. Dabei liefert MacLachlan einen durchweg herausragenden Job und ist immer in der Lage, den (bewusst so schwankenden) Ton der Serie mitzutragen. David Lynch und der unlängst verstorbene Miguel Ferrer setzen ihre Parts aus der Originalserie auf verschroben-charmante Weise fort. Dabei erhalten sie Unterstützung von Chrysta Bell und einer brillant aufgelegten Laura Dern.

Das FBI hat wieder einiges zu tun (© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

Das FBI hat wieder einiges zu tun (© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

In Twin Peaks selbst bekommen hauptsächlich die Polizisten Raum zur Entfaltung. Dabei ersetzt Robert Forster den in Schauspiel-Rente gegangenen Michael Ontkean. Michael Horse als Deputy Hawk, Harry Goaz und Kimmy Robertson als schrulliges Ehepaar Andy und Lucy, sowie Dana Ashbrook als Deputy (!) Bobby Briggs kehren auf gewohnte Art zu ihren tollen Charakteren zurück. Natürlich feiert auch Sheryl Lee immer wieder Gastauftritte in der Serie.

Weitere Stars der alten Serie, die hier mehr oder weniger bemerkenswerte Rollen spendiert bekommen, sind beispielsweise Al Strobel, Mädchen Amick, David Patrick Kelly, Richard Beymer, Sherilyn Fenn, Grace Zabriskie, Russ Tamblyn, Catherine E. Coulson, James Marshall, Peggy Lipton, Ray Wise, Harry Dean Stanton, Everett McGill und David Duchovny. Unterstützung erhalten sie unter anderem von Naomi Watts, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Amanda Seyfried, James Belushi, Robert Knepper, Tom Sizemore, Ashley Judd, Caleb Landry Jones, Matthew Lillard und Madeline Zima.

Es dürfte wohl kaum jemand in diese Staffel einsteigen, der gar nicht mit „Twin Peaks“ und der Arbeit von David Lynch vertraut ist. Das Geschehen wird zeitweise an die Grenzen des Unansehbaren geführt, nur um kurz darauf emotionale, aufwühlende oder einfach amüsante Momente zu liefern, die einfach fantastisches Fernsehen sind. Ohne Kompromissbereitschaft und das zwingende Bedürfnis zu gefallen, aber mit einem fantastischen Cast und einer (bewusst un-)klaren Vision, zeigt Lynch eine mutige Weiterführung einer Welt, die so lange im Pausenmodus war. Obwohl längst nicht alle Ideen aufgehen und sicherlich noch mehr Potenzial in der Geschichte steckt, fühlt sich „Twin Peaks Staffel 3“ wie der faszinierend-ungewöhnliche Abschied von einem faszinierend-ungewöhnlichen Filmemacher an. Wer die Geduld mitbringt und über die vorhandenen Probleme hinwegsieht, wird in jedem Fall mit einem – in alle Richtungen – unvergesslichen Erlebnis belohnt.

In Twin Peaks benötigt man starke Nerven (© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

In Twin Peaks benötigt man starke Nerven (© Suzanne Tenner/SHOWTIME)

Die Box ist ab dem 29.03.2018 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

4 von 5 Punkten

 

Bild: Auch optisch werden die Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Die Landschaftsaufnahmen – gerade in der titelgebenden Stadt – sind sehr schick anzusehen und werden mit einer hohen Schärfe und knackigen Farben geliefert. Allgemein greift die Serie meistens auf einen äußerst sauberen Look mit kräftigen Farben, fast schon etwas zu satten Kontrasten und einer guten Detaildarstellung zurück. Schwarz-Weiß-Szenen, farbliche Spielereien und einige visuelle Kuriositäten sehen bis auf Kleinigkeiten so aus, wie man es sich vorstellen würde. Hier und da ist dann doch einmal ein leichtes Rauschen erkennbar gewesen. Insgesamt zeigt Paramount einen (gerade in Anbetracht, dass es sich um eine DVD handelt) durchaus eindrucksvollen Look.

4,5 von 5 Punkten

Ton: Der deutsche und der englische Dolby Digital 5.1-Ton erfüllen auch die Erwartungen. Selbst wenn die Abmischung manchmal etwas präziser sein könnte, wird eine vielseitige und ziemlich räumliche Tonpräsentation geboten. Neben den immer gut verständlichen Dialogen stechen natürlich klassische Elemente wie das Pfeifen des Windes in den Wäldern und der legendäre Soundtrack akustisch hervor. Es gibt auch zahlreiche Effekte, in denen mit der Räumlichkeit und den Bässen gespielt wird. So zeigt die Serie auch hier ungewöhnliche, aber hochwertige Kost.

4 von 5 Punkten


Extras: Auf der ersten Disc befinden sich drei kleine, aber feine Featurettes rund um den „Twin Peaks“-(Fan-)-Kult (insgesamt 13 Minuten). Disc 9 enthält die ersten beiden Teile vom Behind the Scenes-Featurette „Impressions: A Journey Behind the Scenes of Twin Peaks“ (insgesamt 57 Minuten), eine Auswahl an „Rancho Rosa“-Logos (2 Minuten) und eine Fotogalerie. Auf der Bonus-DVD sind noch acht Teile vom Behind the Scenes-Featurette „Impressions: A Journey Behind the Scenes of Twin Peaks“ (insgesamt 223 Minuten) vorhanden, das von dem Dokumentarfilmer und Lynch-Freund Jason S. gedreht wurde. Sehr viel ausführlicher und unmittelbarer dürfte es wohl kaum möglich sein, der Entstehung einer solchen Serie beizuwohnen. Zusätzlich sind ein paar schräge Teaser in der Box zu finden.

4,5 von 5 Punkten

Gesamt: 4 von 5 Punkten


Quelle: Twin Peaks, Showtime, YouTube

Twin Peaks – Staffel 3

Originaltitel:Twin Peaks – Season 3
Showrunner:David Lynch, Mark Frost
Darsteller:Kyle MacLachlan, Michael Horse, Miguel Ferrer, Sheryl Lee
Genre:Serie, Mystery, Thriller
Produktionsland/-jahr:USA, 2017
Verleih:Paramount Pictures
Länge:18 x 55 Minuten
FSK:ab 16 Jahren

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite von Universal Pictures Home Entertainment

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 29.03.2018
Review: Twin Peaks Staffel 3 (DVD)

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