Review: Nymphomaniac 1 & 2 – Kinofassung (DVD)

Das DVD-Cover von "Nymphomaniac I+II" (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Das DVD-Cover von “Nymphomaniac I+II” (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Inhalt: Bei einem abendlichen Winter-Spaziergang findet der alleinstehende Seligman (Stellan Skarsgård, „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“) in der Gasse vor seinem Haus die zusammengeschlagene, benommene Joe (Charlotte Gainsbourgh). Da diese sich weigert, zur Polizei oder ins Krankenhaus zu gehen, lädt sie der hilfsbereite Mann zu sich nach Hause ein und kümmert sich um sie. Als Joe so langsam wieder zu Kräften kommt, beginnt sie, Seligman von ihrem Leben zu erzählen. Eingeteilt in acht einschneidende Ereignisse erzählt sie von ihrer frühesten Kindheit an, was sie an dem Abend in die Gasse geführt hat. Ohne jede Zurückhaltung berichtet die bekennende Nymphomanin von schockierenden Erlebnissen und zahlreichen erotischen Abenteuern. Schon bald ist Seligman fasziniert von seiner ungewöhnlichen Gesprächspartnerin.

 

Regie/Drehbuch: Bei kaum einem Filmemacher weltweit sind Genie und Wahnsinn so nah beieinander wie beim Dänen Lars von Trier. Für die einen ist der Anführer der Dogma95-Bewegung ein Visionär, der mit unvergleichlichen Bildern provokante, philosophische und bewegende Geschichten erzählt. Die anderen sehen in ihm einen Querkopf, der nur mit aller Macht auffallen möchte. Deswegen nahm es auch kaum jemand ernst, als von Trier 2011 in Cannes (kurz vor seinem „Nazi-Skandal“) sagte, als nächstes Werk einen Porno drehen zu wollen.

Man mag von ihm denken, was man möchte: Seine Filme sind etwas besonderes und er versteht es, seinen Pläne in die Tat umzusetzen. In „Nymphomaniac“ castete er kurzerhand Pornodoubles, die die eigentlichen Schauspieler in den Sexszenen vertraten. Digital wurden dann die Gesichter der eigentlichen Protagonisten ergänzt. Viele der expliziten Sex-Sequenzen wurden aber aus der Kinofassung (232 Minuten) im Vergleich zu dem Director’s Cut (330 Minuten) entfernt. Es sei noch zu sagen, dass die zwei Teile ganz klar und erkennbar ein Film sind, der aus Zuschauerverträglichkeit in der Hälfte unterbrochen wurde.

Wer aber jetzt einen erregenden Sexfilm erwartet, kennt Lars von Trier nicht. Viel mehr ist „Nymphomaniac“ eine weitere Abrechnung mit seinem Krankheitsbild, da ein erhöhtes Sexualbedürfnis bei Depressiven nicht unbekannt ist. Sein Film ist sicherlich schwere Kost. Wer sich aber auf die verstörend-beklemmende Erzählung einlässt, kriegt eine eindringliche Charakterstudie geboten, bei der die Sexszenen nicht mehr als Beiwerk sind.

Joe offenbart Seligman ihre Lebensgeschichte (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Joe offenbart Seligman ihre Lebensgeschichte (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Look: Auch hier sei einfach auf das bisherige Werk des Regisseurs verwiesen. Oft düstere Bilder, die schonungslos alles aufdecken, was die Protagonisten umtreibt. Auch die nicht ungewohnten Zwischenschnitte aus dem Tierreich sind wieder ein großer Teil des Filmes. Der Geschlechtsverkehr an sich wird sehr direkt, kühl und zwischenmenschlich unpersönlich gezeigt. Das dargestellte ist äußerst unbequem, sehr künstlerisch, aber keinesfalls erotisch.

Schauspieler: Im Zentrum steht wieder einmal die Lars von Trier-Muse Charlotte Gainsbourgh, die mit einer atemberaubenden Leistung den Film trägt. Ihre Joe ist verletzlich, aggressiv, daneben, mitleiderregend und vor allem menschlich. So schafft sie es, einen eigenwilligen Charakter zur Sympathieträgerin zu machen. Ein ähnlich großes Lob verdient sich die Newcomerin Stacy Martin als Joe in jungen Jahren. Sie versucht gar nicht, eine ähnliche Figur wie Gainsbourg zu spielen, was das Geschehen aber eigentlich noch glaubwürdiger macht (wer ist denn mit 20 schon genau so wie mit 40?). Sie spielt die Figur frech, provokant, aber auch emotional zerrissen und verunsichert. Von der Schauspielerin wird man noch viel sehen.

Als Gegenstück zu Joe spielt Stellan Skarsgård den ruhigen, belesenen, nahezu asexuellen Seligman, der dem Film eine gewisse Erdung gibt. Shia LaBeouf bewegt sich hier eindeutig von dem „Transformers“-Klischee weg und überzeugt als langjähriger Weggefährte von Joe, der so langsam von ihren Gelüsten überfordert wird. Uma Thurman („Kill Bill“) hat im ersten Teil des Filmes einen sensationellen Gastauftritt als gehörnte Ehefrau, die Joe zur Rede stellt. Jamie Bell („Drecksau“) hat als sexuell sadistischer Bekannter von Joe eine erinnerungswürdige Rolle. Weitere Stars wie Christian Slater („True Romance“), Connie Nielsen („3 Days to Kill“) und Willem Dafoe („Der blutige Pfad Gottes“) sind ebenfalls Bestandteil dieses Films.

Joe macht schon in jungen Jahren die Männer verrückt (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Joe macht schon in jungen Jahren die Männer verrückt (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Unterhaltungswert: Mit Sicherheit muss man sich auf den Film einlassen, um unterhalten zu werden. Sicherlich kann der Film – nicht nur wegen der langen Spielzeit – ebenso zäh wie sonderbar wirken. Wer einen Zugang zur Geschichte findet, wird mit einem ungewöhnlichen Filmerlebnis belohnt.

Dramatik: Wie bereits erwähnt, ist „Nymphomaniac“ vor allem ein hochemotionales Charakterstück. Der Wechsel von ruhigen und extremen Momenten sorgt mehrmals dafür, dass sich beim Zuschauer ein Kloß im Hals bildet. Auch wegen der beiden faszinierenden Hauptdarstellerinnen wirken die Probleme im Film besonders eindringlich nach.

Humor: Wie so häufig, findet man auch hier den verschrobenen, oft versteckten, teils zynischen Humor von Lars von Trier. So darf man während vieler tragischer Momente doch das ein oder andere Mal grinsen.

Liebe/Romantik: Natürlich ist die Liebe ein großer Themenkomplex in der Geschichte von Joe. Dabei geht es aber mehr um die emotionale Distanz, die die Hauptfigur nur selten überwinden kann. Wenn Joe diese Grenze einmal überschreitet, kann „Nymphomaniac“ stellenweise sogar richtig zu Herzen gehen.

Es gibt aber auch viele Menschen, die unter Joes Verhalten leiden (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Es gibt aber auch viele Menschen, die unter Joes Verhalten leiden (Quelle: Concorde Home Entertainment)

Erotik: Es gibt wohl kaum einen kommerziellen Spielfilm, der über so viel tatsächlichen Sex verfügt wie dieses Werk. Dabei schafft es von Trier aber, die Darstellungen so hart und bewusst eher rau als ästhetisch zu machen, dass Erotik im klassischen Sinn hier kaum zu finden ist.

Fazit: „Nymphomaniac“ ist wieder einmal ein echter Lars von Trier. Als Zuschauer sollte man schon etwas verkraften können, wenn man sich auf diesen intensiven 4 Stunden-Epos einlässt. Ein ungewöhnlicher, verstörender, toll bebilderter (nein, ich meine nicht die Sexszenen) und erzählter Film, der nachträglich Eindrücke hinterlässt. Selbst wenn der Film (oder zumindest die Kinofassung) nicht ganz so virtuos wie „Melancholia“ ist, fügt der dänische Regisseur einen weiteren tollen Beitrag zu seiner Vita hinzu.

Der Film ist ab dem 20.11.2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

4 von 5 Punkten

 

Bild: Auch wenn der Film bekannte Lars von Trier-Mätzchen enthält, sieht er einfach toll aus. Die Bilder sind – mit Ausnahme der bewusst anders designeten Aufnahmen – scharf und haben eine gute Detaildarstellung. Die Farbpalette ist sehr weitreichend. Vom kargen Braun in Seligmans Apartment bis zum sterilen Blau-Metallic-Mix bei Joe und Jerome sind alle Farbmixe vertreten. Die Hauttöne sind sehr natürlich. Schwarzwert und Kontraste lassen keinen Grund zur Kritik zu. Auch wenn sich die Bilddarstellung von „Nymphomaniac“ hier und da ändert, gibt es keinen großen Kritikpunkt.

4 von 5 Punkten

Ton: Die deutsche und die englische Dolby Digital 5.1-Tonmischung sind ebenfalls gut gelungen, aber ein wenig frontlastig. Die Dialoge sind immer gut verständlich. Der Klassik-Score wurde sauber abgemischt. Dazu kommen hier und da kleine Effekte, wie zum Beispiel Peitschenhiebe. Eine absolut zweckdienliche Präsentation.

3,5 von 5 Punkten

Extras: Auf der zweiten DVD gibt es einige interessante Interviews (42 Minuten). Ansonsten sind nur noch ein paar Trailer zu sehen.

3 von 5 Punkten

Gesamt: 4 von 5 Punkten


Quelle: Concorde Film, YouTube

Nymphomaniac I & II

Originaltitel:Nymphomaniac I & II
Regie:Lars von Trier
Darsteller:Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin
Genre:Erotikdrama
Produktionsland/-jahr:UK, Deutschland, 2014
Verleih:Concorde Home Entertainment
Länge:232 Minuten
FSK:ab 16 Jahren

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite von Concorde Home Entertainment

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 25.11.2014
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