Kriegerin (Kino)

Kriegerin

Quelle: Ascot Elite

Aggressiv, gewaltbereit und hasserfüllt. Pony-Frisur mit langen Fransen, Mode mit rechten Zeichen und provokante, auffällig mit einem weißen Pflaster überklebte Hakenkreuz-Tätowierungen: So präsentiert sich die 20-jährige Marisa (Alina Levshin), egal ob bei ihrer Arbeit als Kassiererin im örtlichen Laden oder wenn sie mit ihrer Clique unterwegs ist. Stolz äußert sie rechtsextreme Parolen und Gesten und schlägt auch zu, wenn sich die Stimmung aufgeheizt hat.

Zu Hause trifft Marisa bei ihrer Mutter nur auf Ablehnung und auch die Beziehung zu ihrem Neonazi-Freund Sandro (Gerdy Zint) ist von Aggressivität geprägt. Einzig bei ihrem im Krankenhaus liegenden Großvater (Klaus Manchen) findet sie Verständnis und Zuneigung. Er selbst diente im Zweiten Weltkrieg und vermittelt noch heute rechtes Gedankengut, welches bei seiner Enkelin auf fruchtbaren Boden fiel.

Bei einem Treffen am Strand stößt ein neues Mädchen zu der Clique, was Marisa so gar nicht passt: Die zornige 15-jährige Svenja (Jella Haase) hat Kontakt zu einem Jungen der Gruppe geknüpft und rutscht in einem Akt der Rebellion gegen ihr Elternhaus immer tiefer in die rechtsextreme Szene. Aber Marisa hat eigene Probleme: Nach einer Konfrontation am Badesee provoziert sie einen Unfall auf einer Landstraße, bei dem die beiden afghanischen Flüchtlinge Jamil und Rasul auf ihrem Moped von der Straße gedrängt werden. Als Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) sie plötzlich und nachdrücklich um Hilfe bittet, versorgt sie ihn mit Lebensmitteln, um ihn loszuwerden. Doch die gezwungene Auseinandersetzung mit ihrer Tat bedeutet für Marisa den Anfang eines Umdenkprozesses, der sie auf einen schwierigen Weg führen wird.

 

Nach der Preview-Vorstellung im Bonner Kino Neue Filmbühne sprach Drehbuchautor und Regisseur Wnendt über Rechtsradikalismus, den Film und seine Recherchen

David Wnendt

D. Wnendt | Quelle: Ascot Elite

„Kriegerin“ ist einer von wenigen Filmen überhaupt, die sich mit Rechtsradikalismus in Deutschland auseinandersetzen. 1998, während einer Fotoreise durch die neuen Bundesländer, fielen Wnendt die zum Teil offen zur Schau gestellten und von der Bevölkerung scheinbar akzeptierten rechtsradikalen Verhaltensweisen von Jugendlichen auf. Im Zuge der Abschlussarbeit seines Regiestudiums griff er das Thema auf und schrieb nach tiefgründiger Recherche in Jugendclubs aber auch innerhalb der Szene selbst das Drehbuch zu „Kriegerin“.

Den Fokus des Films legt Wnendt auf die Frauen in der von Männern dominierten Szene. Wnendt erklärte dazu in der Bonner Gesprächsrunde, dass Frauen zwar eine Minderheit innerhalb der Subkultur darstellen, jedoch tendenziell unterschätzt werden. Dabei seien sie selbst als Mitläuferinnen oder Organisatorinnen genauso gewalttätig wie die Männer. Allerdings führen die Frauen der Szene ein Leben mit Widersprüchen: Einerseits werden sie begehrt, andererseits sind sie mit frauenfeindlicher Ideologie und Gewalt konfrontiert. Wnendt wählte deshalb gerade diesen Aspekt als Mittelpunkt seiner Geschichte.

Für seinen Film traf er sich mit rechtsradikalen Frauen und ließ sie ihre Lebensgeschichten erzählen. Einige konkrete Beispiele arbeitete Wnendt in sein Drehbuch ein. Als Gemeinsamkeiten sah er bei seinen Interviews die familiären und partnerschaftlichen Beziehungen. Deshalb nehmen diese in dem Film „Kriegerin“ eine wichtige Rolle ein: Die augenscheinlich unterschiedlichen Charaktere von Marisa und Svenja verbindet ihre Distanz zu ihren Eltern, auch wenn diese zumindest von Marisa nicht unbedingt gewollt ist. Den rechtsextremen Ideologien setzen die zum Teil strengen Eltern keine Werte entgegen (Wnendt spricht hier von einem „ideologischen Vakuum“). Diese Begründung ist nicht neu und wird von Wnendt auch nur als ein Teil der Ursachen gesehen. Aber sein Anliegen war vor dem Film nicht, neue Erklärungsmodelle zu schaffen, sondern ein Problem darzustellen.

 

Distanz vs. Emotionen

Kriegerin Marisa

Quelle: Ascot Elite

Die dargestellte Gewalt und Aggressivität der Figuren wirken abschreckend, sodass sich der Zuschauer von ihnen distanziert. Im Verlauf des Films wird er jedoch gezwungen, eine gewisse emotionale Nähe zu ihnen aufzubauen. Wnendt zielt eben darauf ab. Die Figur der Marisa sollte die Realität darstellen und keine abgeschwächte Variante sein. Diesen schwierigen Spagat schaffen Wnendt und auch die Schauspielerin Alina Levshin mit ihrer Darstellung von Marisa – zum Beispiel in der Unfall-Szene, wo der Zuschauer durch ihr ausdrucksstarkes Minenspiel, das von aufgeheizt zu (fast schon) schuldbewusst umschlägt, mitgerissen wird. Levshin schafft es, dem Zuschauer sowohl ihre Aggressivität als auch ihren Schock über ihre Tat spüren zu lassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Zuschauer die ausgelebte Gewalt und den Hass zu entschuldigen lernt – ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen. Aber er erkennt Umstände, die ein gewisses Verständnis zulassen.

Unter den Schauspielern stechen insbesondere die beiden Hauptdarstellerinnen hervor. Alina Levshin glänzt in ihrer schwierigen Rolle als Marisa durch ihren starken Ausdruck. Jella Haase spielt mit ihrem energievollen Auftreten überzeugend die wütend-rebellierende Teenagerin Svenja. Gerdy Zint entspricht in seiner Rolle als rechtsextremer Freund Marisas wohl am ehesten dem Klischee-Denken des Zuschauers: Er ist nicht nur anderen gegenüber sondern auch in der Beziehung zu Marisa gewalttätig und schnell gereizt. Unterstützt wird diese Einschätzung sicherlich dadurch, dass der Zuschauer kaum etwas über seinen sozialen Hintergrund erfährt.

Auch wenn Wnendt mit „Kriegerin“ nicht vorrangig belehren möchte, bleibt das natürlich nicht aus. Der Film schockiert den Zuschauer mit seiner Realität, unterstützt durch den dokumentarischen Charakter, ohne dabei jedoch mit seiner Darstellung zu übertreiben: Der Zuschauer ist direkt am Geschehen beteiligt, allerdings ohne übermäßige Gewaltdarstellungen ertragen zu müssen. Das ist dem Film hoch anzurechnen.

 

Fazit: Sehenswertes und packendes Drama

Wnendt stellt mit seinem Drama ein Phänomen dar, auf welches er in der ostdeutschen Provinz stieß. Er selbst betont jedoch, dass Rechtsradikalismus kein rein ostdeutsches Problem sei. Die Darstellung der Situation ist ihm gelungen, auch wenn einige Ursachen ungeklärt bleiben.

„Kriegerin“ ist, bis auf einige Längen und überraschend abrupte Übergänge in der Mitte des Films, ein packendes Drama mit hoffnungsvollen Schauspielerinnen. 2011 konnten Alina Levshins Darstellung und Wnendts Drehbuch bereits einige Auszeichnungen einsammeln. Nach dem tollen Skript und der guten Inszenierung werden wir in Zukunft hoffentlich noch viel von David Wnendt sehen.

4 von 5 Punkten

 

Am 19. Januar erscheint „Kriegerin“ in den deutschen Kinos. Hier geht es zur offiziellen Homepage.


Quelle: Ascot Elite, YouTube

Verfasst von Reni.

Zuletzt geändert am 18.01.2012
Review: Kriegerin (Kino)

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