Lieber Thomas Premiere auf dem Film Festival Cologne

So lange war es still ums Kino. Deshalb ist es aktuell ein besonderes Ereignis, in einem voll besetzten Saal wieder neue Filme zu erleben, die dann im Idealfall auch noch mit den Verantwortlichen begangen werden können. Da bietet aktuell das Film Festival Cologne (21.10.-28.10.) in seiner Zentrale im Kölner Filmpalast nahe dem Rudolfplatz gleich mehrere Gelegenheiten. Ein zentraler Programmpunkt war sicherlich die Premiere des hoch antizipierten Biopics „Lieber Thomas“, das die Macher um Regisseur Andreas Kleinert, Autor Thomas Wendrich sowie den Darstellern Albrecht Schuch, Jella Haase und Emma Bading am vergangenen Sonntagabend vor Ort präsentierten. Das Filmteam genoss das geschäftige Treiben im Kino und stand geduldig für Fotos und Fragen der Journalisten bereit, während alle Beteiligten sichtlich gespannt waren, wie der Film – den der Verleiher Wild Bunch Germany am 11.11.2021 offiziell in die Kinos bringt – angenommen wird.

(© 2021 Max Baedorf)

Shootingstar Albrecht Schuch, der nach „Systemsprenger“, „Berlin Alexanderplatz“ und zuletzt „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ eine weitere hochkalibrige Rolle in einem anspruchsvollen Film übernehmen durfte, geriet bei der Frage nach den Reizen von „Lieber Thomas“ und Protagonist Thomas Brasch regelrecht ins Schwärmen:

„ Die Vielschichtigkeit und die ganzen unterschiedlichen Töne und Farben, die dieser Charakter zulässt, sind unglaublich: Was er nach außen kehrt, was er ausprobiert, woran er scheitert – also auch an sich selbst. Diese ganzen Facetten darzustellen, ist für mich als Schauspieler ein riesiges Geschenk.

Brasch ist auch 2021 relevant, weil er alle Dinge wahnsinnig differenziert betrachtet. Er achtet auf die Zwischentöne und will Inhalte ausdiskutieren. Es reicht ihm nicht, mit einem lauten Aufschrei ein ganzes Thema abzuhandeln. Bei ihm wird gehört, reflektiert und auch mal drüber gepennt. Dann guckt er am nächsten Tag, was daraus geworden ist. Es erfolgt eine intensive Auseinandersetzung mit einem Zustand. Da ist es fast egal, ob es eine gesellschaftspolitische Thematik, eine Person oder ein gerade gelesener Text ist. Diese Art der Betrachtung hilft uns allen immer wieder, um eine Vorverurteilung zu verhindern.“

(© 2021 Max Baedorf)

Angesprochen auf den teils fließenden Übergang zwischen Normalität und Traumebenen machte er eine kleine, aber entscheidende Feststellung:

„Bei der Darstellung der Traumsequenzen musste ich mir erst eine Frage stellen: Wie läuft eine Person im Traum? Auch wenn es eine scheinbar banale Frage ist, wusste ich nicht wie ein Brasch durch seine Traumlandschaft gehen würde. Als ich die Frage für mich beantwortet hatte, war es in Ordnung und die Umsetzung problemlos.“

(© 2021 Max Baedorf)

Doch auch nach Thomas Brasch wird es nicht lange dauern, bis Albrecht Schuch wieder in einen herausfordernden Part schlüpft:

„Wir haben gerade [Anm. d. Red.: für Netflix] ‚Im Westen nichts Neues‘ fertig gestellt. Das ist glaube ich ein ziemliches Brett. Wenn sich das auch nur halb so toll einlöst, wie es sich bei der Erarbeitung angefühlt hat, wird das schon ein grandioser Film. Ich bin sehr gespannt und jetzt schon ziemlich aufgeregt.”

(© 2021 Max Baedorf)

Jella Haase hat sich in der vergangenen Jahren zu einer regelrechten Allzweckwaffe des deutschen Kinos entwickelt, die scheinbar mühelos zwischen eher leichten Popcorn-Filmen und forderndem Darstellerkino wechselt. In „Lieber Thomas“ ist sie als Katarina, die Lebensgefährtin von Brasch, zu sehen. Befragt nach den Beweggründen für ihre Teilnahme am Film, war die Antwort schnell und klar:

„In erster Linie war Albrecht verantwortlich, der auf mich zukam. Wir haben ja gerade erst ‚Berlin Alexanderplatz‘ [zusammen] gedreht. Er hat mir davon erzählt, dass er Thomas Brasch spielen wird. Dann sagte er: ‚Jella, da kommt eine Überraschung auf dich zu!‘ Danach habe ich dann das Drehbuch erhalten. Es ist wirklich ganz selten, dass man ein Buch liest und sich über beide Ohren in das Projekt verliebt. Der aufkeimende Zeitgeist, der Punk, das Suchen und das Rebellieren der Protagonisten – das hat mich einfach abgeholt.“

(© 2021 Max Baedorf)

Thomas Braschs reale Partnerin Katharina Thalbach war aber nur im Geiste an der Entstehung von Jella Haases Auftritt beteiligt:

„Die Figur Katarina ist natürlich fiktionalisiert. Trotzdem ist Katharina Thalbach aus der Zeit überhaupt nicht wegzudenken. Deshalb war sie für die Figur zumindest ein Vorbild, auch wenn es bei der Ausführung dann in eine etwas andere Richtung gegangen ist.“

Auch zur Relevanz und Aktualität von „Lieber Thomas“ hat die Berlinerin eine klare Meinung:

„Wir sind heutzutage einfach zu gemütlich geworden und haben uns mit dem Status Quo eingerichtet. Das hat Thomas Brasch eben nie gemacht. Er hat nie aufgehört zu fragen. Nie aufgehört etwas einzufordern. Brasch hat die Leute herausgefordert. Genau das brauchen wir heute auch.“

(© 2021 Max Baedorf)

Da der Film neben seinen Charakterköpfen auch stilistisch einige Besonderheiten aufweist, konnte Regisseur Andreas Kleinert in diesem Bereich zu einigen Aspekten Hintergründe liefern:

„Das Schwarz-Weiß ist da für mich optisch ein sehr passendes Stilmittel, um die Realitätsebenen ein bisschen zu verwischen. Da geht es auch nicht darum, ob wir gerade 1968 oder 2001 haben.“

Gewisse Ähnlichkeiten mit dem Stil von Regisseuren der Zeit wie Wim Wenders und David Lynch wollte Kleinert dabei gar nicht von der Hand weisen:

„‚Lieber Thomas‘ sollte in jedem Fall Kino sein, das die Bezeichnung auch verdient. Da gibt es natürlich dann auch Motive, die sich wiederholen. Im Zentrum steht aber, bei den Leuten die Lust auf den Kinosaal zu wecken. Anleihen an unsere Vorgänger, den Expressionismus, das Autorenkino, sind da ganz logisch. Wir inhalieren doch alle unsere Idole. Da schimmern die dann manchmal durch ins Werk.“

(© 2021 Max Baedorf)

Auch auf seine Vorliebe für fordernde, literarische Stoffe und reale Vorlagen ging Kleinert weiter ein:

„Man muss sich natürlich mit dem Werk beschäftigen, das bei Brasch eine sehr breite Mischung aus Gedichten, Romanen, Theaterstücken und Filmen ist. Es bietet auch sehr viel Material für die Realisierung, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Thomas Brasch ist dann für mich bei der Entstehung des Films so eine Art Gegenüber/ein Konterpart. Die Figur wird zu einem Vertrauten. Man steht mit ihm auf und man schläft mit ihm ein. So etwas bleibt auch bei mir lange im Bewusstsein.“

(© 2021 Max Baedorf)

Danach ging es für alle Beteiligten in den prall gefüllten Hauptsaal des Filmpalasts, wo die Öffentlichkeit dann „Lieber Thomas“ kennenlernen durfte.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite von Wild Bunch Germany


Quelle: Wild Bunch Germany, YouTube

Verfasst von Thomas.

 

Zuletzt geändert am 26.10.2021
Lieber Thomas Premiere auf dem Film Festival Cologne

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