Review: Aus dem Nichts (Kino)

Das Hauptplakat zu "Aus dem Nichts" (©2016 Warner Bros. Ent.)

Das Hauptplakat zu „Aus dem Nichts“ (©2016 Warner Bros. Ent.)

Inhalt: Noch während seiner Haftstrafe haben Nuri (Numan Acar, „The Promise – Die Erinnerung bleibt“) und seine Freundin Katja (Diane Kruger, „The Infiltrator“) geheiratet. Nachdem er im Gefängnis sein Studium beenden konnte, hat er zurück in Freiheit ein eigenes Büro eröffnet und kümmert sich hingebungsvoll um seine Frau und den gemeinsamen Sohn Rocco (Rafael Santana). Doch eines Tages ist das Familienglück plötzlich vorbei, als eine Bombe vor Nuris Laden explodiert und ihn und Rocco in den Tod reißt. Für Katja bricht eine komplette Welt zusammen. Sie ertränkt ihren Schmerz in Alkohol und Drogen, während die Polizei nach einem Motiv in Nuris krimineller Vergangenheit sucht. Katja und Anwalt Danilo (Denis Moschitto, „Volt“), der der beste Freund ihres Ehemanns war, sind sich schnell sicher, dass Rechtsradikale hinter dem Anschlag stecken. Tatsächlich wird kurz darauf das Ehepaar André (Ulrich Friederich Brandhoff) und Edda Möller (Hanna Hilsdorf) verhaftet. Trotz erdrückender Beweise gelingt es dem Verteidiger (Johannes Krisch, „A Cure Fore Wellness“), Zweifel an der Schuld der beiden zu sähen. Schon bald ist sich Katja sicher, dass sie das Gesetz in die eigene Hand nehmen muss, wenn sie Gerechtigkeit für ihre Familie will.

 

Kritik: Die Anschläge des NSU-Terrorzelle gehörten zweifelsohne zu den dunklen deutschen Kapiteln nach der Jahrtausendwende. Sowohl die brutalen Angriffe auf Unschuldige, als auch die mehr als zweifelhafte Rolle einiger Behörden sorgten dafür, dass die Thematik auch zehn Jahre nach dem letzten Anschlag weder abgehakt noch vergessen ist. Der vielfach preisgekrönte Hamburger Filmemacher Fatih Akin hat sich jetzt in einer fiktiven Geschichte mit den Anschlägen auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein zorniges Drama, das immer mehr in Richtung Thriller driftet und mit seinen Meinungen zu den wahren Ereignissen nicht hinter dem Berg hält. Wer Leistungsmerkmale wie subtil oder differenziert sucht, wird bei „Aus dem Nichts“ wohl seine Probleme bekommen. Viel mehr begegnet Akin der Thematik mit einer Wucht, wie man sie wohl lang nicht mehr in deutschen Kinos gesehen hat.

Katja hat Schwierigkeiten, den Prozess durchzustehen (©2016 Warner Bros. Ent.)

Katja hat Schwierigkeiten, den Prozess durchzustehen (©2016 Warner Bros. Ent.)

Mit dynamischen Handkameraaufnahmen, die aber quälend genau und intensiv den Albtraum einfangen, in dem sich Protagonistin Katja wiederfindet, wird dem Zuschauer kaum eine Chance gegeben, sich dem Geschehen zu entziehen. Spürbar erschütternd gelingt es dem Film, einen sehr direkten Zugang zu einer Geschichte zu finden, die die meisten mit einer gewissen Distanz verfolgt haben. Im Mitteldrittel erreicht „Aus dem Nichts“ seine beste Phase. In einem psychisch unglaublich brutalen Gerichtskonflikt lässt Akin die Geschädigte, die skrupellosen Täter und weitere Beteiligte wie den gewieften Verteidiger, den teilnahmslosen Staatsanwalt oder auch den zu spät aktiv gewordenen Vater (Ulrich Tukur) des Angeklagten aufeinander los. In dieser Phase ist die Spannung förmlich greifbar und testet die Grenzen des Erträglichen aus.

Ein Moment zerstört Katjas Leben (©2016 Warner Bros. Ent.)

Ein Moment zerstört Katjas Leben (©2016 Warner Bros. Ent.)

Im letzten Teil legt der Film das letzte bisschen Zurückhaltung ab und zeigt sehr offenherzig, dass man Feuer manchmal nur mit Feuer begegnen sollte. Auch wenn der Film weiter funktioniert, geht der Fokus der packend-realistischen ersten beiden Akte ein wenig verloren. Obwohl Diane Kruger Deutsche ist, war sie bislang nicht in einheimischen Produktionen zu sehen. Das ändert sie hier und liefert fast beiläufig die wohl beste Vorstellung ihrer ganz Karriere. Als liebevolle Ehefrau und Mutter, die auf einen Schlag ihr ganzes Leben verliert, liefert sie eine schonungslose und fesselnde Darstellung, die ihr beim diesjährigen Festival in Cannes eine verdiente Auszeichnung als „Beste Hauptdarstellerin“ einbrachte. Neben ihr bekommt Denis Moschitto als engagierter Anwalt und bester Freund von Nuri noch den meisten Raum, sich zu zeigen. Während der Gerichtssequenzen gibt er den intelligenten und um Kontrolle bemühten Danilo. Gerade in einer Szene, in der er sich von seinem Gegenüber aus der Fassung bringen lässt, kann Moschitto glänzen. Die weiteren Darsteller passen sich dem hohen Niveau an, halten sich aber gegenüber der Gala-Vorstellung von Diane Kruger deutlich im Hintergrund.

Es ist erfreulich, dass der Mut da war, ein kantiges Werk wie „Aus dem Nichts“ als deutschen Oscar-Beitrag für das kommende Jahr einzureichen. Fatih Akin setzt sich in seinem neuen Film ohne Kompromisse mit einem Thema auseinander, mit dem wohl jeder Deutsche auf die eine oder andere Art zu tun hatte. Obwohl der Film in seiner Schlussphase ein wenig schwächelt, bleibt ein unmittelbarer und beklemmender Drama-Thriller-Mix, der wohl an keinem Zuschauer spurlos vorbeigehen dürfte.

4 von 5 Punkten


Quelle: Warner Bros, Leinwandreporter TV, YouTube

Aus dem Nichts

Originaltitel:Aus dem Nichts
Regie:Fatih Akin
Darsteller:Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar
Genre:Drama, Thriller
Produktionsland/-jahr:Deutschland/Frankreich, 2017
Verleih:Warner Bros Pictures
Länge: 106 MinutenFSK: ab 16 Jahren
Kinostart:23.11.2017

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite von Warner Bros

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 21.11.2017
Review: Aus dem Nichts (Kino)

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