Hass – La Haine (Blu-ray)

Vinz, Said und Hubert hängen rum (Bildquelle: StudioCanal)

In den Pariser Banlieues (deutsch: Bannmeilen), den Ghettos in der Vorstadt, leben die Ärmsten der Armen. Ein teuflischer Strudel aus Gewalt, Drogen, Arbeits- und Perspektivlosigkeit sorgt immer wieder für kriegsähnliche Zustände: Straßengangs und die Polizei liefern sich blutige Auseinandersetzungen. Die angespannte Situation eskaliert, als der 16-jährige Abdel von Polizisten ins Koma geprügelt wird und kurz darauf die Waffe eines Polizisten gestohlen wird. Am Tag danach versuchen Hubert (Hubert Koundé, Dr. Bluhm in „Der ewige Gärtner“), Saïd (Saïd Taghmaoui, Suarez aus „8 Blickwinkel“) und Vinz (Vincent Cassel, Thomas aus „Black Swan“) drei Jungs aus Einwandererfamilien mit der Situation umzugehen. Vinz und Saïd diskutieren über Rachepläne und Hubert überlegt, nachdem er seine Boxhalle abgebrannt vorfindet, wie er aus der Gewaltspirale seines Viertels entkommen kann. Vinz offenbart, dass er die Waffe des Polizisten gefunden hat. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Lage im Viertel endgültig außer Kontrolle gerät.

„Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock eines Hochhauses fällt. Und während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut. Doch wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“

Mit diesen Worten beginnt das französische Ghetto-Drama von Matthieu Kassowitz aus dem Jahr 1995. Diese Worte bleiben Programm. Sowohl in der Einleitung, wo die Bilder von Straßenschlachten, die durch den Tod des jungen Makomé während eines Polizeiverhörs in den 90er Jahren ausgelöst wurden, begleitet von Bob Marleys Friedenshymne „Burnin‘ and Lootin’“ gezeigt werden. Diese Bilder stammten von Aufständen in 90ern,. Auch während der eigentlichen Handlung bleiben die Worte zu jeder Zeit spürbar. Die Aktionen, die um die drei jungen Männer herum passieren, lassen den Aufprall erwarten.

Die Perspektivlosigkeit der Menschen, die in den grauen Plattenbauten leben, wird unterstützt durch die trostlosen Schwarz-Weiß-Bilder, mit denen Kassowitz und der hervorragende Kameramann Pierre Aim („Willkommen bei den Sch’tis“) bewusst auf eine übertriebene Stilisierung verzichten. Besonders beeindruckend wirken dabei die Kamerafahrten über das Banlieue der drei Hauptfigurene. Zusätzlich wird der Realismus der Szenerie durch einen geringen Einsatz von Schnitten und von Musik gefördert. So bleibt der Zuschauer den drei Jungs „auf den Fersen“ und kann sie bei minutenlangen Wortduellen beobachten. Diese Worte wirken dabei nie wie Kunstsprache, was für die Qualität von Kassovitzs selbst verfasstem Drehbuch spricht.

Tolle Darsteller sorgen für ein glaubwürdiges Miterleben des Elends

Vinz zieht die gestohlene Waffe (Bildquelle: StudioCanal)

Ein weiterer Punkt für die Authentizität, die der große Trumpf dieses Films ist, sind die jungen Protagonisten des Films. Hubert Koundé spielt den vernünftigsten Charakter der Clique. Er ist der Ruhepol und wirkt der Eskalation so weit es geht entgegen. Koundé verkörpert die Hoffnung des Films. Hubert lässt aber nur selten zu, dass seine Freunde über seine Gefühlslage Bescheid wissen, was ihn undurchschaubar macht. Saïd Taghmaoui spielt die vorlaute Plaudertasche der Clique. Er provoziert ständig, sorgt aber mit seinem Witzerepertoire für gute Laune unter den Gebeutelten. Said versucht so, die Augen vor der ausweglosen Situation zu verschließen Sowohl Koundé als auch Taghmaoui spielen sehr gut und authentisch. Der damals noch unbekannte Vincent Cassel ist der Star des Films. Er ist sagenhaft präsent und dominiert die Szenerie zu jeder Zeit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Teil dieser Welt ist und vermittelt dem Zuschauer seine Frustration über die Lage. Da er im Besitz der Pistole des Polizisten ist, geht von ihm das größte Gewaltpotenzial aus. Die Selbstgespräche von Cassel und Taghmaoui gehören zu den Highlights des Films. Im Stil des Klassikers „Taxi Driver“ erzählen und albern die beiden vor dem Spiegel herum und geben dabei einen ungefilterten Einblick, was wirklich in ihnen vorgeht.

Matthieu Kassovitz erhielt 1995 in Cannes die Auszeichnung als „Bester Regisseur“. Bei den französischen César Awards erhielt der Film acht Nominierungen und drei Auszeichnungen (Film, Schnitt, Produzent) , außerdem wurde er beim Europäischen Filmpreis als „Young European Film of the Year“ ausgezeichnet. „Hass – La Haine“ darf getrost als Referenz für Genre-Filme gewertet werden. Mit einer unglaublichen Präzision führt Kassovitz das soziale Ungleichgewicht vor, vor dem alle Beteiligten in Ohnmacht erstarren. Dieser beklemmende und eindringliche Film öffnet dem Zuschauer die Augen, ohne dabei in irgendeiner Form wertend zu sein. „La Haine“ ist ein unglaublich wichtiger Film, der nicht nur von Filmfans einmal gesehen werden sollte.

5 von 5 Punkten

 

Bild: Der Bildtransfer auf der Blu-Ray wird der Qualität seiner Vorlage absolut gerecht. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind perfekt ausbalanciert und der Schärfegrad ist beeindruckend. Hier ist eine deutliche Steigerung zur DVD erkennbar.

5 von 5 Punkten

Ton: Der deutsche Ton liegt in DTS-HD HR 5.1-Sound vor, der französische Originalton in DTS-HD MA 5.1-Sound. Beide Tonspuren sind nahezu perfekt. Die Dialogverständlichkeit ist problemlos, die Musik ist auf alle Boxen ausbalanciert. Auch die wenigen, aber präzise eingesetzten Effekte sind so gut umgesetzt, dass mit dem Ton die Sogwirkung von „La Haine“ weiter verstärkt wird.

5 von 5 Punkten

Extras: Die Bonusmaterialien bestehend aus einem Audiokommentar von Mathieu Kassovitz, einer Dokumentation „10 Jahre HASS“, dem Feature „Die Kulissen der Dreharbeiten“, einem Making of, einem Feature „Casting & Proben“, geschnittenen Szenen und dem Trailer. Die Extras beantworten alle Fragen, die über den Film noch offen waren und bietet ein hohen Mehrwert, der die Blu-Ray perfekt abrundet.

5 von 5 Punkten

Gesamt: 5 von 5 Punkten

Bildquelle: GSMurray87, StudioCanal, YouTube

Hass - La Haine

Originaltitel:La Haine
Regie:Matthieu Kassovitz
Darsteller:Vincent Cassel, Hubert Koundé, Saïd Taghmaoui
Genre:Drama
Produktionsland/-jahr:Frankreich, 1995
Verleih:StudioCanal
Länge:96 Minuten
FSK:ab 12 Jahren

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 06.03.2012
Hass – La Haine (Blu-ray)

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