Review: 3096 Tage (Kino)

Das Kinoplakat von "3096 Tage" (Quelle: Constantin Film)

Das Kinoplakat von „3096 Tage“ (Quelle: Constantin Film)

Am 02.03.1998 geschieht in Wien der Albtraum aller Eltern: Die 10 Jahre alte Natascha Kampusch (zunächst Amelia Pidgeon, später Antonia Campbell-Hughes, „Albert Nobbs“) befindet sich auf dem Schulweg, als sie plötzlich von dem arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Wolfgang Prikopil (Thure Lindhardt, „Illuminati“) gepackt und in einen Lieferwagen gezogen wird. Unter seinem gutbürgerlichen Haus hat der Mann ein Verlies ausgehoben, in das er die kleine Natascha einsperrt. Noch ahnt sie nicht, dass ihr in den nächsten 8 ½ Jahren ein unvorstellbares Martyrium in dem Haus und der nicht einmal sechs Quadratmeter großen Zelle bevorsteht. Chancenlos ist sie den Launen ihres Entführers ausgesetzt. Während es an manchen Tagen Märchen, Umarmungen und Süßigkeiten gibt, muss sie an anderen Tagen schwerste Misshandlungen und Nahrungsentzug aushalten. Jedoch zerbricht Natascha nicht an ihrer Gefangenschaft, sondern lernt vielmehr, mit ihrem Peiniger umzugehen. Im Jahr 2006 gelingt ihr nach 3096 Tagen die Flucht. Wolfgang Priklopil nimmt sich noch am gleichen Tag das Leben.

Es gibt wohl kaum eine Geschichte, die in den vergangenen zehn Jahren ein ähnliches Medienecho erhalten hat, wie der unvergleichliche Leidensweg von Natascha Kampusch. Es wurde spekuliert, gemutmaßt und teilweise wurden üble Lügen verbreitet. Nach vielen Anfragen gelang es Constantin Film im Jahr 2010, sich die Rechte an der Verfilmung zu sichern. Bernd Eichinger traf sich mehrmals mit Kampusch, um in langen Gesprächen alles über ihren Leidensweg zu erfahren. Da die deutsch-amerikanische Wunschregisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) abgesagt hatte, wollte Eichinger nach der Vollendung seines Drehbuches auch die Regie übernehmen. Nach seinem unerwarteten Tod im Januar 2011 stand das Projekt dann vor dem Aus. Jedoch gelang es dem Produzenten Martin Moszkowicz mit Ruth Toma eine Autorin zu verpflichten, die das Buch beendete und auch Sherry Hormann zu einem Umdenken zu bewegen.

Mit 10 Jahren wird Natascha in ihrem Kerker eingesperrt (Quelle: Constatin Film)

Mit 10 Jahren wird Natascha in ihrem Kerker eingesperrt (Quelle: Constantin Film)

Nach viel Skepsis folgte ein Umdenken

Hormann brachte auch direkt ihren Ehemann mit an Bord des Projektes: Kameralegende Michael Ballhaus kam für den Film aus seinem Vorruhestand zurück. Die Besetzung der Rollen verlief ebenfalls zunächst sehr unrund. Da viele deutsche Schauspieler eine Arbeit an dem Projekt ablehnten, entschied man sich, „3096 Tage“ in englischer Sprache zu drehen und die englischen Schauspielerinnen Amelia Pidgeon und Antonia Campbell-Hughes für die Rolle der Natascha Kampusch, sowie den Dänen Thure Lindhardt als Wolfgang Priklopil zu verpflichten. Alle Arbeit an diesem Thema, dass die Menschen so sehr bewegt hat, dürfte sich schlussendlich auch rentiert haben. Der Film ist natürlich aufgrund des realen Hintergrundes so weit entfernt von Wohlfühlkino, wie es eben geht. Hormann präsentiert ein unfassbar beklemmendes, psychisch und physisch hartes Kammerspiel, das zart besaitete Zuschauer wohl überfordern dürfte.

Priklopil greift Natascha an (Quelle: Constantin Film)

Priklopil greift Natascha an (Quelle: Constantin Film)

Die düstere Erzählung lebt von den unheimlich klaustrophobischen Bildern, die von Michael Ballhaus meisterhaft eingefangen wurden. Außerdem vermittelt der Film (zumindest ansatzweise) die zwischenmenschliche Beziehung von Kampusch und Prikopil, wodurch der verstörende Realismus noch mehr in den Vordergrund tritt. In diesem Zusammenhang sind die unglaublich authentischen Leistungen der drei Hauptdarsteller zu erwähnen. Die Debütantin Amelia Pidgeon vermittelt ebenso glaubhaft Unschuld, Verzweiflung und den allgegenwärtigen Kampfgeist wie Antonia Campbell-Hughes, die Nataschas Darstellung als abgemagerte Jugendliche übernommen hat. Thure Lindhardt hatte die schwierige Aufgabe, einem der umstrittensten Monster nach der Jahrtausendwende eine menschliche Ebene zu verleihen. In seiner großartigen Darstellung kombiniert er das Liebesbedürfnis eine verschüchterten Muttersöhnchens mit den beängstigenden Gewaltausbrüchen und Allmachtfantasien Priklopils.

„3096 Tage“ ist handwerklich in allen Belangen eine mehr als beeindruckende Produktion. Der Film vermittelt eindringlich erschreckend reale Eindrücke dieser beispiellosen Geschichte. Es bleibt aber abzuwarten, inwieweit ein derart beklemmender Film tatsächlich massentauglich ist.

4 von 5 Punkten


Quelle: Constantin Film, YouTube

3096 Tage

Originaltitel:3096
Regie: Sherry Hormann
Darsteller:Jaymes Butler, Thure Lindhardt, Trine Dyrholm
Genre:Drama
Produktionsland/-jahr:USA, 2012
Verleih:Constantin Film
Länge:109 Minuten
FSK:ab 12 Jahren
Kinostart:28.02.2013
Homepage:Der Internetauftritt von "3096 Tage"

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 03.03.2013
Review: 3096 Tage (Kino)

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