Kino

Review: Ohne Wahrheit (Kino)

Das Plakat von “Ohne Wahrheit” (© Free Vision Pictures, 2026)

Inhalt: Auch wenn der Zweck manchmal die Mittel heiligen muss, steht der ambitionierte Jung-Staatsanwalt Nickolas Schott (Friedrich Bochröder) vor einer vielversprechenden Karriere. Doch dann wird er völlig aus dem Leben gerissen, als seine Frau Emily (Sarah Alles) unerwartet verstirbt. Obwohl die offiziellen Untersuchungen für einen natürlichen Tod sprechen, ist er sich sicher, dass ein Pharma-Unternehmen, gegen das er ermittelt hat, für das Ableben seiner Frau verantwortlich ist. Sein Verdacht bestätigt sich, als ihm ein anderer Mord angehängt wird und er untertauchen muss. In der Obdachlosen-Szene der Umgegend findet er Anhaltspunkte für seinen Verdacht gegen die Firma. Von der Polizei verfolgt, muss er seinen Fall lösen und den Mörder seiner Frau finden, um in ein halbwegs normales Leben zurückkehren zu können.

 

Kritik: Manche Geschichten müssen einfach erzählt werden. Das Schweizer Pharma-Unternehmen Novartis, das gefährliche und mit den Probanden nicht richtig abgesprochene Medikamanten-Tests an Obdachlosen in Polen durchführte, inspirierte Ilka Sparringa und Friedrich Bochröder, die gemeinsam das Drehbuch verfassten. Bochröder übernahm die Hauptrolle vor der Kamera, während sich Sparringa als Regisseurin hinter der Kamera den inszenatorischen Hut aufsetzte. Der Dreh fand zu großen Teilen in Leer, Ostfriesland statt. Ohne Förderung oder Unterstützung durch Sender produzierte das Duo mit der eigens gegründeten Firma Free Vision Pictures das ganze Geschehen und blieb auch in der härteren Phasen von acht Jahren, die zwischen erster Idee und Fertigstellung vergingen, standhaft. Knochenbrüche, prominente Zu- und Abgänge im Cast, Diebstähle und ein komplettes Jahr erzwungene Drehpause durch Corona sind hier Teil einer Geschichte, die fast einen eigenen Film verdient.

 

Nickolas sucht in der Obdachlosen-Szene nach Spuren (© Free Vision Pictures/Jörn Tempel, 2026)

Aber die Beharrlichkeit hat sich gelohnt: „Ohne Wahrheit“ ist ein wirklich guter Verschwörungs-Thriller, der zurecht bereits bei mehreren Indie-Filmpreisen mit Awards geehrt wurde. In den ersten 15 von 133 erstaunlich rasanten Minuten muss man erst einmal die Sorge haben, dass sich der Film verrennt. Hier werden zahlreiche Subplots aufgemacht, was schon einiges an Aufmerksamkeit durch den Zuschauer verlangt. Es gelingt aber, diese sauber aufzuschlüsseln und abzuarbeiten. Die oberflächlichen Ähnlichkeiten zu Werken wie „Ein Mann sind rot“ und „Auf der Flucht“ sind hier mit durchaus treffender Sozialkritik unterfüttert.

Zusammengehalten wird das Geschehen in zwei sehr unterschiedlichen Filmhälften von Friedrich Bochröder, der eine gute Balance zwischen übellaunigem Rächer und sensiblem Familienvater findet. Der Cast allgemein, zu dem u.a. Charaktermime Jörn Hentschel und Synchronsprecher-Ikone Charles Rettinghaus gehören, liefert auf durchweg überdurchschnittlichem Level. Auch visuell machen Regie-Debütantin Ilka Sparringa und ihr Team sehr viel richtig. Stylisch-kühl und mit gutem Auge bebildert, schafft sich der Film eine fast greifbare Atmosphäre. Diese wird auch noch einmal von einem sehr gelungenen Score untermalt. Selbst wenn der Geschichte vielleicht 1-2 Abzweigungen weniger nicht geschadet hätten, verliert sich „Ohne Wahrheit“ nie in Nebenschauplätzen. Der sicherlich in Teilen polarisierende Schlussakkord wird der Thematik gerecht und unterstreicht den durch das ganze Projekt spürbaren Mut von Sparringa und Bochröder.

Die oft schon ermüdenden, aber größtenteils berechtigten Diskussionen über die Probleme im deutschen Kino – speziell bei Genre-Unterhaltung – sind nicht von der Hand zu weisen. Wenn man dann aber über den Tellerrand hinausblickt und Projekte wie dieses sieht, möchte man die Kritik gerne auch an der Haustür verschiedener Filmstiftungen ablegen. Mit geringen Mitteln und sehr viel Herzblut sowie Geduld, wurde mit „Ohne Wahrheit“ ein stilsicher inszenierter, gut erzählter und trotz seiner Länge nie zäher Verschwörungs-Thriller geschaffen, der ein deutlich größeres Publikum verdient hat.

4 von 5 Punkten


Quelle: Free Vision Pictures, YouTube

Ohne Wahrheit

Originaltitel:Ohne Wahrheit
Regie:Ilka Sparringa
Darsteller:Friedrich Bochröder, Jörn Hentschel, Dennis Madaus
Genre:Krimi, Thriller
Produktionsland/-jahr:Deutschland, 2025
Produktion:Free Vision Pictures GmbH
Länge:133 Minuten
FSK:ab 16 Jahren

Mehr Informationen findet ihr auf der Facebook-Seite des Films

Verfasst von Thomas.

Zuletzt geändert am 21.04.26
Review: Ohne Wahrheit (Kino)

Thomas

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